Leben an der Nahtstelle

Beit Ruth

Community in Beit Ruth

NDS Gemeinschaft in Beit Ruth

Die Umgebung wird erneut wichtig für uns, wie sich bei unserm Provinzkapitel zur Neugestaltung im Oktober 2011 gezeigt hat. Unsere Einsichten, die sich bei diesem Treffen durch unsern Gedankenaustausch ergaben, zeigten uns, wie sehr unsere Umgebung unsere apostolischen Möglichkeiten und Prioritäten prägt, auch unseren Lebensstil, unsere Sorgen, teilweise sogar unsere Spiritualität und die Auffassung, die wir von unserem Charisma haben. Diese Wahrheit zeigt sich besonders in der Beit Ruth-Kommunität in Jerusalem. Im Hintergrund unserer „Lebensprojekte“ schon seit einigen Jahren, nie sehr explizit und doch stets leise vorhanden, ist unsere gemeinsame Aufgabe „an der Nahtstelle zu leben“. Und dies verbindet die Engagements von uns dreien – sehr verschiedenen Persönlichkeiten, die an sehr verschiedenen Orten und in sehr verschiedenen Aufgaben engagiert sind.

Dass wir uns dieser Berufung immer mehr bewusst werden, hängt eng zusammen mit dem „Museum on the Seam“, das nur einige Straßenblocks von uns entfernt ist. Vor fünfzig Jahren war dort das Mandelbaum-Tor, die grenzüberschreitende Verbindungsstelle zwischen den zwei Städten Jerusalem, die es damals gab. Wir leben am Rand des „Niemandslandes“ jener Zeit: wie viele Häuser, die früher arabisch waren, sehen wir doch an unserer Straße, doch unsere Wohnung ist umgeben von den ultraorthodoxen jüdischen Gemeinden Mea Sharim und Shivetai Israel und vielen kleinen Synagogen. Jetzt, wo wir die Gründung des Staates Palästina neben dem jüdischen Staat Israel erwarten, mit einer Neugestaltung Jerusalems als Hauptstadt beider Staaten, was kann das „Leben an der Nahtstelle“ unserem „Lebensprojekt“ bieten, in diesem neuen Zeitpunkt in unserer Kongregation?

Verkündigung und Dienste

Das „Leben an der Nahtstelle“ bringt, leidenschaftlich und voll Mitgefühl, zwei Realitäten zusammen: die palästinensische mit all ihrer Vielfalt und die israelische mit ihren eigenen einschließenden Tendenzen. Die „Geräusche der Stille“ am Sabbat und der Ruf des Muezzins fünfmal am Tag haben einen speziellen Nachklang in Beit Rut, das nur sieben Minuten Fußweg außerhalb des Damaskustores (1) liegt. Der Nachhall und die Einsichten der in unserer Nachbarschaft gefeierten jüdischen Feste sind eine andauernde Quelle von Inspiration und Bereicherung. Sehr oft wechselt Diane von einem Bereich in den anderen, um an Zusammenkünften oder Feiern oder Besprechungen teilzunehmen, oder für ihre Arbeit mit Vicky Tutundjian, der palästinensischen Buchhalterin unserer Mittelmeerprovinz/ unseres Netzwerks. Dianes Aufgabe als Mitglied des Aufsichtsrats von Ecce Homo und des Planungsrats von Ein Karem bedeutet auch Dienst an und Sensibilität für beide Bereiche. Als Koordinatorin der englischsprachigen Sektion der Vereinigung der Ordensgemeinschaften sucht sie, die Bande zwischen den Schwestern vieler verschiedener Kongregationen auf beiden Seiten der Checkpoints zu stärken.

Für Regine und Rose Theresa reichen die Bande der Freundschaft in beiden Richtungen: wie oft bekommt doch Rose Theresa oder Regine einen Besuch von der einen oder anderen Palästinenserin (Muslima oder Christin), die sie seit langem kennt, die einfach aus Freundschaft nach Beit Ruth kommen, oder weil sie Hilfe für sich selbst oder für ihre Familien brauchen. An den jüdischen Feiertagen wird Rose Theresa in die Häuser von Freunden eingeladen, und Regine besucht gewöhnlich die Familie ihrer Schwester in Tel Aviv. Die Sprachbegabungen sind dafür unerlässlich, und sowohl Rose Theresa wie Regine können sich in sechs Sprachen unterhalten! Rose Theresas Engagement im Englischunterricht und Regines viele Fahrten zum Innenministerium wegen Visas für die Studenten des Zentrums für Bibelstudien dienen auch dem Aufbau von Verbindungen. Regines Interesse an Amha, einer Vereinigung von Shoah-Überlebenden, und an den Veranstaltungen von Yad Vashem bietet eine weitere Möglichkeit, unser Realitätsbewusstsein hier zu schärfen.

Mit der Kirche und Sion in Jerusalem

Für die Teilnahme an der Liturgie wählt Diane gewöhnlich die École Biblique (Dominikaner), während es für Rose Theresa das Notre Dame Centre (Legionäre und Regnum Christi) und für Regine die Kehillah (die hebräisch sprechende Gemeinde in Jerusalem) ist; dies erweitert auch unsere Horizonte und berührt einige von all den Gaben und Nöten der Kirche hier, wie sie ihren Weg in die Zukunft sucht im Lichte der Synode für den Mittleren Osten 2010. Beit Ruth bietet allen Sionsschwestern und –brüdern vom Gebiet Jerusalems einen Treffpunkt außerhalb der Institutionen, für Reflexion, zum Gebet, und zu freundschaftlichem Beisammensein. In diesem Geist des „Lebens an der Nahtstelle“ setzen wir die Reise fort, die uns hierher gebracht hat.

Sr. Diane Willey NDS

Übersetzung aus dem Englischen: Dr. Helmut Paul
(1) Anmerkung des Übersetzers: Vom eh. Mandelbaumtor (= von Norden) her kommend betritt man durch das Damaskustor das arabische Viertel der Altstadt von Jerusalem.